Der langsame Abstieg (1 /2)

Ich war immer lebensfroh, abenteuerlustig, kräftig, ausdauernd und kerngesund. Viel unterwegs, selten länger an einem Ort. 1958 in Graz geboren, dort auch studiert und kurz verheiratet, dann in Wien gelebt und mit 30 nach Australien ausgewandert.

Eine Mandeloperation als Teenager, Mitte Dreißig eine Prostatamassage nach einer Harnröhrenentzündung. Etwas erhöhtes Cholesterin. Sonst aber nie im Spital und so gut wie nie beim Arzt.

1993 hatte ich ganz starke Schmerzen in meiner linken Schulter, so dass ich mich kaum mehr an- und ausziehen konnte. Ein Sportmediziner wollte eine Ablagerung herausschaben, ein Alternativmediziner hat mir eine Salbe gegeben. Die Schmerzen gingen weg. Damals hatte ich nicht die leiseste Ahnung, dass dies ein Frühsymptom der Parkinsonschen Krankheit war. Jetzt bin ich 50 und bereits im Ruhestand. Warum? Eigentlich brauchte ich nur die letzten zehn Jahre meines digitalen Fotoalbums zu durchblättern und mein Gesicht, meine Haltung, sowie die Gewichtszunahme zu beobachten. Daraus lässt sich rückblickend vieles erkennen.

• 1998 schien die Welt noch in Ordnung. Ich war gerade zehn Jahre in Australien.
• 1999 war ich mit einer Kolumbianerin befreundet. Allerdings wollte mir das Salsatanzen nicht mehr so geschmeidig gelingen und ich stellte mich ein bisschen ungelenk und hölzern dabei an, so dass es sogar ihren Töchtern aufgefallen war.Meine Erklärung war, dass ich eben doch kein Latino sei…

• 2000 war ich viel auf Reisen, fühlte mich aber schneller erschöpft als sonst. Beruflich nahm meine Motivation auch langsam ab, ich arbeitete nur mehr wochentags und hielt zum beruflichen Rat Race etwas mehr Abstand.
Meine Erklärung war, dass es in meinem Alter halt nicht mehr so schnell ginge…

• 2001 erfreute mich an meiner neuen Stadtwohnung und dem Strand von La Perouse, ging viel mit Freunden in Sydney aus, jedoch wurden es kaum mehr lange Nächte und auch mit den Drinks war ich schon viel zurückhaltender.
Meine Erklärung war, dass man über 40 eben alt werde…

• 2002 hatten wir viele unserer Wohnungsbesitzerversammlungen im Fitnessraum, wo sich alle auf den Teppichboden setzten. Mir war das recht unangenehm, denn ich konnte einfach nicht mehr so ohne weiteres längere Zeit ohne Verspannungen am Boden sitzen. Ich musste mich auf einen mitgebrachten Stuhl setzen.
Meine Erklärung war, dass das einfach ungemütlich sei…

Gerald

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.